Reisefreiheit – Mein Leben ohne Mauer

Ich sehe es noch wie gestern vor mir. Es war der Abend des 9. November 1989. Ich war 7 Jahre alt. Meine Mutter bügelte gerade und ich lag auf dem Teppich, als im Fernsehen die Nachrichten liefen. Ich verstand nicht was gesagt wurde, aber meine Mutter legte plötzlich das Bügeleisen beiseite, starrte ungläubig auf den Fernseher und wiederholte es immer wieder „Das gibt es nicht, das kann doch nicht sein. Das kann nicht sein.“

Am folgenden Morgen packten meine Eltern meinen kleinen Bruder und mich gut gelaunt und mitsamt Sack und Pack in unseren hellblauen Trabbi. Das Ziel: Berlin. Was ich damals noch nicht ahnen konnte war, dass dieser Tag mein Leben für immer beeinflussen würde.

Die Stadt in der ich aufwuchs, war klein. Zu klein für jemanden mit so großen Träumen, wie meinen. Ich wollte nie einen bestimmten Job, einen Freund oder eine besondere Wohnung. Ich wollte einfach nur glücklich sein. Ich wollte mir ein Leben schaffen, zu dem ich gerne jeden Morgen aufwachen würde. Im Zuge dessen, verließ ich mit 18 Deutschland, sobald ich mein Abitur in der Tasche hatte. Ich konnte es kaum abwarten mein „richtiges“ Leben zu beginnen, eines, das ich selbst auswählen konnte, von Anfang bis Ende. Mein erster Stopp auf dieser Reise? San Francisco.

Ziemlich schnell folgte dem Kulturschock eine besondere Erkenntnis. Endlich war ich umgeben von Leuten, mit denen ich mich identifizieren konnte. Leute, die mich inspirierten und bestärkten, die mir das Gefühl gaben, dass ich alles erreichen könnte, was ich mir vornehmen würde. Das war neu für mich, bis dahin kannte ich nur „Mach doch lieber erstmal 'ne Lehre.“ oder „Das klappt sowieso nicht.“ Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, dass es vielleicht wirklich keine Grenzen für das gibt, was man sich vornimmt. Vielleicht kann man wirklich alles haben, wenn man nur daran glaubt und dafür arbeitet. Vielleicht war es gar keine so dumme Spinnerei, dass ich mir ein Leben voller Reisen und Fotografie und all den Dingen schustern könne, die ich am liebsten tat.

Ich begann meine Zukunft basierend auf nur einer Frage zu planen „Wenn ich machen könnte, was ich wollte, was würde ich dann tun? Welches Leben würde ich wählen?“ Die Antwort darauf brachte mich in den darauffolgenden Jahren zum Studieren nach Paris und London, aus Neugier nach Barcelona und New York und ein Jahr lang habe ich die Welt bereist, genau so wie ich es mir immer gewünscht hatte. Ich schwamm mit Alligatoren im Amazonas, bestaunte die türkisen Wasser der Malediven, praktizierte Yoga in Indien, fuhr mit dem Taxi durch den Senegal und mit dem Kanu durch Laos. In meinem Kopf wohnen eine Million Erinnerungen an cremiges Gelato aus Italien, durchtanzte Nächte in Chile, Kamelreiten in Dubai, Sunset-Cruises in Australien und Roadtripping durch Kalifornien. Ich könnte tagelang von den unglaublichen Landschaften Südafrikas berichten, den gutaussehenden Männern in Norwegen oder der warmen Gastfreundschaft der Türken. Aber egal wie viel ich davon erzähle, es könnte nie die volle Menge und Bedeutung der Erfahrungen widerspiegeln, die ich auf all diesen Reisen sammeln durfte. All diese Erlebnisse, die mich heute zu dem Menschen machen, der ich bin.

Reisen formt uns auf eine Art und Weise, wie keine andere Form von Bildung. Denn genau das ist Reisen – die Studie der Welt, der Geschichte und der Menschheit. Es gibt keinen besseren Weg sich selbst kennenzulernen, als durch die Augen derer, die einem begegnen. Diese Augen sind wie ein Spiegel und ein indischer Spiegel reflektiert anders als ein französischer, ein chinesischer anders als ein deutscher. Wäre es nicht schön, wenn wir uns in allen Spiegeln der Welt mindestens einmal sehen könnten?

Als ich travelettes.net gründete, dachte ich, „Wäre es nicht unglaublich, wenn ich aus meiner größten Leidenschaft, dem Reisen, einen Beruf machen könnte?“ Reisen war mein Ding. Ich hatte es jahrelang gemacht, ich war gut darin. Zusammen mit Fotografie war es das, womit ich mein Leben füllen wollte. Eben das Leben, zu dem ich jeden Morgen aufstehen wollte. Sechs Jahre habe ich daran gearbeitet und heute kann ich sechs Monate im Jahr reisen und nebenbei arbeiten, etwas, was ich ohne meinen Blog vermutlich nie geschafft hätte.

Oft frage ich mich - Was wäre, wenn die Mauer nie gefallen wäre? Wenn ich nie nach San Francisco oder Indien oder Südafrika gegangen wäre, wenn all diese magischen Orte mein Leben nie beeinflusst hätten, so wie sie es getan haben. Wäre ich dann noch dieselbe? Ich werde es nie wissen. Und ich will es nie wissen.

Manchmal läuft im Leben alles richtig. Die Würfel fallen so, dass man einfach gewinnt. Manche nennen das Glück, andere Karma. Was auch immer es in meinem Fall war, ich werde für immer dafür dankbar sein.