Die Freiheit, die ganze Welt zu sehen

Die Schuhe noch schnell in den Schrank, den Koffer von der letzten Reise aufräumen, Boris Spielzeug an seinen Platz und das dreckige Geschirr in die Spülmaschine. Während ich versuche, mein Wohnungschaos wie immer last minute zum Mädels-Pizza-Abend mit Anja und Sophia irgendwie in den Griff zu bekommen, bin ich gedanklich ganz weit weg, irgendwo zwischen Neuseeland und Australien. Sind die Hände beschäftigt, hat der Geist Zeit zum Wandern. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich darauf gekommen bin, aber ich frage mich: Nehme ich Reisen eigentlich noch als Reisen wahr?

„Verreisen, das hieß bei uns in der Kindheit immer Brote schmieren und alle ab ins Auto und zu Oma in den Thüringer Wald“, erzählt Anja, während sie Mozzarella auf der Pizza verteilt, die wir gleich in den Ofen schieben. „Immer?“ frage ich nach. „Seid ihr nie mal nach Italien oder Österreich?“ „Nein, immer. Was anderes war nicht möglich, ich bin ja in der DDR groß geworden. Mein Bruder und ich hinten auf der Rückbank. Damals war das ja noch nicht so strikt mit Anschnallen.“ „Wahnsinn, diese Geschichten faszinieren mich immer wieder…“, spricht Sophia meine Gedanken aus. Irgendwie wissen wir ja alle, wie das damals so war, aber in der heutigen Realität wirkt das immer so absurd. Ich überlege, wie viele Orte es in meinem Leben gibt, die ich „immer“ wieder besuchen wollen würde.

Juist kommt mir in den Sinn. Ja, Juist, da werde ich immer und immer wieder hinfahren. Aber Sophia hat Recht, der Gedanke immer und nur noch auf Juist Urlaub zu machen, kommt mir bei aller Liebe zu dieser wunderschönen Insel absurd vor. Es gibt doch noch so viele andere Sachen zu sehen.

Anjas Kindheitserinnerungen faszinieren. Ich habe ganz vergessen, dass sie in der DDR aufgewachsen ist und das Reisen so eine ganz andere Bedeutung für sie hat. Ich frage mich, ob sie genauso glücklich war, was Glück bedeutet und wie sehr wir manche Dinge lieben, weil sie eine Gewohnheit sind, eine Tradition. Der Geruch von Pizza reißt mich aus meinen Gedanken. Pizza-Abende mit Prosecco sind auch so eine Tradition, die ich genauso liebe wie wir sie haben, ganz ohne Kimchi und Streetfood oder was es inzwischen alles gibt in der wunderbaren Foodwelt. Gäbe es heute keine Pizza, wäre der Abend nicht unser Abend. Wobei ich bei all der Nostalgie gerade fast Lust auf Eier in Senfsoße kriege. Oder kalten Hund.

„Wir haben den Thüringer Wald geliebt. Es war ja trotzdem jedes Mal ein neues Abenteuer. Als Kind wächst man ja noch und findet jedes Jahr andere tolle Dinge. Wir haben uns eigene Höhlen gebaut und Käfer-Wettrennen gemacht. Einen Sommer war ich ganz verrückt nach Blumenkränzen und hab die ganze Familie bestückt.“ Kurz guckt Anja verträumt aus dem Fenster, dann muss sie lachen: „Und ganz ehrlich Mädels, einige Kids von heute könnten auch mal ganz gut eine Portion Thüringer Wald vertragen. Mit Waldgeruch und knackendem Holz, mit schimmernden Käfern und Verstecken spielen.“ In beidem muss ich Anja Recht geben und stelle erschreckt fest, dass es bestimmt einige Kinder gibt heutzutage, die noch nie im Wald Verstecken gespielt haben…

„Neid klingt in dem Zusammenhang vielleicht seltsam…“, setzt Sophia an, während sie die Pizzastücke verteilt, „aber manchmal hätte ich auch gern so eine Familientradition. Eine Erinnerung an einen Geruch oder das Licht, wie es zu einer bestimmten Jahreszeit durch ein Fenster fällt, weil man es über die Jahre immer und immer wieder gesehen hat. Ich war ja jedes Jahr wo anders mit meinen Eltern. Versteht mich nicht falsch, ich fand es toll jedes Jahr ein anderes Land zu bereisen und mit diesem Gefühl von „alles ist möglich“ aufzuwachsen. Aber ich hab schon immer auch Sehnsucht verspürt nach dieser Kindheitsnostalgie, wenn ich Geschichten über Jugend-Sommercamps, Rügen und Familienurlaube wie du sie erlebt hast, höre.“

Während der nächsten paar Stunden teilen wir noch die ein oder anderen Kindheitserinnerung und vergleichen unsere Erfahrungen aus drei verschiedenen Teilen Deutschlands. Und wir stellen fest, dass es uns allen irgendwie gleich geht: Wir finden die Geschichten der anderen spannend und empfinden sowohl ein wenig Sehnsucht nach den Erfahrungen, die wir nicht machen konnten, als auch Dankbarkeit über die Art und Weise, in der wir aufgewachsen sind. „Klar, im Rückblick kann man das als Unfreiheit ansehen, dass wir nicht in die USA konnten oder nach Spanien oder sonst wo“, sagt Anja, „aber wir haben uns damals nicht unfrei gefühlt. Komisch eigentlich, aber als Kind war der Thüringer Wald für mich die weite Welt. Und sie war mir weit genug.“

Wie jede Reise hat auch dieser Abend leider ein Ende. Doch ich denke noch lange über unser Gespräch nach als ich im Bett liege. Und ich seufze erleichtert auf, als mir klar wird, dass sich Reisen für mich noch immer wie Reisen anfühlt. Dass ich jedes Mal aufgeregt bin und gespannt darauf, was mich erwartet. Mir wird klar, dass ich noch immer dankbar für jede einzelne Reise bin, für die Möglichkeiten, die ich habe und die Freiheit in jedes Land zu reisen, dass ich besuchen will. Und als ich am nächsten Morgen aufwache wird mir bewusst, was mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war: „Nach Juist könnte ich doch auch mal wieder.“

Manchmal bedeutet Freiheit nämlich auch sich nicht für das weiteste und aufregendste Reiseziel zu entscheiden, sondern für ein Herzensziel. Für den Duft des Thüringer Waldes oder den Wind, der mir so nur auf Juist ins Gesicht bläst. Und dann ist es egal wie nah oder weit einen die Freiheit trägt. Dann ist Freiheit einfach ein anderes Wort für Glück.