Deutsche Bundesländer im Dornröschenschlaf

Vor der Wende waren die ostdeutschen Bundesländer für mich die rosaroten Teile in meinem Deutschlandpuzzle. Die westdeutschen Bundesländer hatten alle eine andere Farbe. Brandenburg, Sachsen und Co waren alle rosarot. Und irgendwann war das dann anders. Das Kind in mir hat genickt und fand das auch viel logischer. Aber Gedanken darüber, ob ich irgendwann einmal dorthin reisen würde; habe ich mir keine gemacht. 25 Jahre später bin ich überzeugter Fan und verrate euch heute auch genau, warum ich finde, dass Brandenburg und Sachsen zwar in einem wunderschönen, aber doch unverdienten Dornröschenschlaf liegen.

Bei meinem Lieblingsitaliener bestelle ich immer Spaghetti Carbonara, beim Vietnamesen um die Ecke den Glasnudelsalat und beim Griechen das Gyros mit extra Zaziki. Experimente wage ich nur selten, und nur auf Empfehlung von besonders guten Freunden. Wenn es um Essen geht, gehe ich gerne auf Nummer sicher. Ich will wissen, auf was ich mich einlasse und ich versuche alles zu vermeiden, um nicht enttäuscht zu werden.

Beim Reisen bin ich anders. Wenn ich reise, dann gerne ohne Plan. Ohne vorgefertigte Meinung. Und ohne dass ich davor weiß, was mich wirklich erwartet. Ich will überrascht werden. Will neues entdecken und stürze mich gerne ins eiskalte Wasser.

Ein Land, von dem noch nie jemand gehört hat? Ich würde sofort meine Koffer packen. Etwas tun in einer Stadt, dass sich irgendwie komisch anhört? Ich bin dabei.

Und doch kenne ich viele Menschen, die beim Reisen so eigen sind, wie ich beim Essen. Auf gar keinen Fall ein Risiko eingehen, lieber sich danach richten, was schon Millionen vor einem für gut befanden. Wenn man schon die schönste Zeit woanders verbringt, dann doch bitte an einem Ort, der einem garantiert gefällt. Das ist an sich auch gar nicht schlimm, ich habe auch Plätze auf der Welt, an die ich immer wieder reise, weil es mir dort einfach gut gefällt. ABER – und dieses aber ist ein großes ABER – durch dieses Verhalten fallen eben gerne mal Orte von der Reisekarte vieler Menschen, die es eigentlich verdient hätten, als Empfehlung des Tages dort zu stehen.

Nehmen wir mal das Reiseverhalten der Deutschen innerhalb Deutschlands im letzten Jahr. Was steht dort ganz oben? Die Klassiker: Nordsee, Ostsee, Bayern und Baden-Württemberg. Ganz klar, dort ist es schön. Und wie sieht es bei ausländischen Urlaubern aus? Auch die bevorzugen Bayern und Co. Kennt man. Soll gut da sein. Ist es.

Und doch hat Deutschland doch so viel mehr zu bieten. Orte, die derzeit noch im Dornröschenschlaf liegen und Orte, die man so in Deutschland nicht erwartet hätte.

Bevor ich nach Berlin gezogen bin, hatte ich keine Vorstellung von Brandenburg. Die meisten, die Brandenburg nicht kennen, haben vermutlich dieses Bild vor Augen:

„Es gibt Länder, wo richtig was los ist. Und es gibt Brandenburg.“ Ja, Rainald Grebe hat nicht ganz so Unrecht. In Brandenburg sagen sich Fuchs und Hase Gute Nacht. In Brandenburg ticken die Uhren noch etwas anders. In Brandenburg ist nicht viel los.

Aber genau das macht Brandenburg zu einem Kleinod, das man so in Deutschland nicht mehr oft findet. Brandenburg hat man noch fast für sich alleine. Zumindest je weiter man sich von Berlin weg bewegt, denn die Berliner, die wissen, was sie an Brandenburg haben und die Seen nah an Berlin sind im Sommer auch gerne mal überlaufen. Je weiter man aber fährt und je schlechter der Handyempfang wird, desto unberührter ist Brandenburg. Dann findet man Seen, Alleen und kleine Dörfer, wo man auf einmal der einzige Tourist ist. Orte, an denen man sich vorstellen kann, wie es sich angefühlt hat zu reisen, bevor es Massentourismus gab. Und man schreibt sich den Ortsnamen auf und verspricht sich selbst, ihn nur an gute Freunde weiterzugeben, denn Geheimtipps sollen ja auch möglichst geheim bleiben.

Fährt man weiter, bis nach Sachsen, bis an den östlichsten Zipfel von Deutschland, kommt man nach Görlitz. Eine Stadt, die von Quentin Tarantino geliebt wird und die Wes Anderson vergöttert und die doch auf der Top Ten Liste der beliebtesten deutschen Städtereiseziele noch lange nicht zu finden sein wird (im Moment steht sie auf Platz 80). Immerhin. Würde ich eine Umfrage machen, bin ich mir sicher, dass die meisten meiner Freunde sagen würden, dass sie schonmal von Görlitz gehört haben, aber noch nie mit dem Gedanken gespielt haben, dort mal wirklich hinzureisen. Eine Städtereise nach Görlitz, wenn man Hamburg noch nie gesehen hat? Unvorstellbar? Es wäre einen Gedanken wert.

Ein Katzensprung weiter, in der Sächsischen Schweiz, sieht es schon ein bisschen anders aus. Denn auch im Ausland hat es sich schon herumgesprochen, dass die Sächsische Schweiz sich lohnt. An sonnigen Sonntagen ist die berühmte Basteibrücke dann auch gerne mal überlaufen, wandert man unter der Woche dort entlang, bietet sich einem ein ganz anderes Bild. Dann fühlt es sich an, als würde man gerade durch eine Märchenlandschaft gehen und falls Schneewittchen um die nächste Ecke biegen würde, auf dem Weg nach Brandenburg, um es aus seinem Dornröschenschlaf zu holen, ich wäre nicht überrascht gewesen.

Brandenburg und Sachsen, zwei Bundesländer, die an sich touristisch viel zu bieten haben und doch gerne mal übersehen werden. Spricht man mit „Insidern“, so bestätigt einem jeder, wie toll es dort ist und dass man, seitdem man das entdeckt hat, immer wieder hinfährt.

Irgendwann einmal werden Brandenburg und Sachsen dann vielleicht einmal auf der touristischen „Bucket Liste“ so weit oben stehen wie Bayern oder Baden-Württemberg, bis dahin hat man die Natur dort aber noch (fast) ganz für sich alleine. Lohnt sich. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr auch mal nach Sachsen-Anhalt – da war ich nämlich noch nie. Soll schön sein da, hab ich gehört.